Das CODIT-Prinzip einfach erklärt
Ein Baum heilt eine Verletzung nicht – er schottet sie ab.
Wird ein Ast abgeschnitten oder die Rinde verletzt, können Mikroorganismen in das Holz eindringen. Der Baum reagiert darauf und versucht, den betroffenen Bereich vom gesunden Holz zu trennen.
Dieses natürliche Schutzsystem wird CODIT genannt: Compartmentalization Of Decay In Trees. Das Konzept geht vor allem auf die jahrzehntelangen Untersuchungen des amerikanischen Forstwissenschaftlers Alex L. Shigo zurück.
Wie schottet ein Baum eine Verletzung ab?
Er nutzt mehrere natürliche Barrieren, die den Schaden in einem begrenzten Bereich halten.
Shigo beschrieb dafür vier sogenannte Wände. Dabei handelt es sich nicht um echte Mauern, sondern um unterschiedliche anatomische und biologische Reaktionen des Holzes.
Die ersten drei Wände gehören zur bereits vorhandenen Struktur des Baumes. Die vierte Wand bildet der Baum erst nach der Verletzung neu.
Man kann es sich wie ein Gebäude mit Brandschutzabschnitten vorstellen: Der beschädigte Raum wird nicht repariert, sondern vom Rest des Gebäudes abgeschirmt.

Sind alle vier Wände gleich stark?
Nein. Die Schutzwirkung nimmt von Wand 1 bis Wand 4 zu.
Die erste Wand ist die schwächste, die vierte die stärkste. Die ersten drei bilden Reaktionszonen im bereits vorhandenen Holz. Wand 4 entsteht anschließend als neue Barriere zwischen dem alten, geschädigten Holz und dem neu gebildeten Holz.
Der Baum baut seine Verteidigung also nicht mit einer einzigen perfekten Mauer auf. Er grenzt den Schaden Schritt für Schritt immer stärker ein.
Warum kann der Baum die erste Barriere nicht einfach komplett schließen?
Weil er sein Leitungssystem weiterhin braucht.
Die erste Barriere begrenzt vor allem die Ausbreitung nach oben und unten. Genau dort verlaufen aber wichtige Wasser- und Stofftransportwege.
Der Baum muss deshalb einen Kompromiss finden: Er muss den Schaden begrenzen, ohne seine eigenen Leitungsbahnen vollständig lahmzulegen.
Was passiert eigentlich im Holz?
Der Baum schottet nicht nur räumlich ab – er verändert auch das Holz selbst.
Lebende Zellen können unter anderem chemische Stoffe einlagern, die Mikroorganismen hemmen. Zusätzlich können Leitungsbahnen beispielsweise durch sogenannte Thyllen verschlossen werden. Dadurch wird es für Pilze schwieriger, sich weiter auszubreiten.
Das ist also mehr als eine Mauer: Der Baum verändert gleichzeitig die Bedingungen innerhalb dieser Grenze.
Kann der Baum beschädigtes Holz wieder gesund machen?
Nein. Das bereits geschädigte Holz bleibt geschädigt.
Der Baum repariert das zerstörte Holz nicht. Er schützt vielmehr das Holz, das noch gesund ist.
Mit dem weiteren Wachstum entsteht schließlich neues Holz um den alten Schaden. So kann eine Verletzung nach Jahren vollständig überwachsen sein, obwohl der alte Schaden im Inneren weiterhin vorhanden ist.
Warum sieht man alte Verletzungen manchmal noch Jahrzehnte später?
Weil der Baum den Schaden nicht entfernt, sondern einschließt.
Das alte, verfärbte oder bereits geschädigte Holz bleibt im Stamm. Darüber wächst neues Holz hinweg und bildet eine immer deutlichere Grenze.
Wie bei einem alten Gebäude, bei dem ein beschädigter Raum zugemauert wurde: Der Raum ist noch da – aber er gehört nicht mehr zum funktionierenden Bereich des Gebäudes.

Schotten alle Bäume Verletzungen gleich gut ab?
Nein. Die Fähigkeit zur Abschottung unterscheidet sich zwischen Baumarten und auch zwischen einzelnen Bäumen.
Manche Baumarten können Schäden sehr wirksam begrenzen, während sich Verfärbung und Fäule bei anderen leichter ausbreiten. Auch die Größe und Art der Verletzung sowie der Zustand des Baumes spielen eine Rolle.
Interessant ist, dass selbst Bäume derselben Art unterschiedlich reagieren können. Untersuchungen an Pappel-Klonen zeigten beispielsweise deutliche Unterschiede darin, wie stark sich verfärbtes Holz nach Verletzungen ausbreitete.
Der Baum hat also nicht nur ein Schutzsystem – wie gut es funktioniert, hängt auch davon ab, welcher Baum verletzt wurde und wie groß der Schaden ist.

Kann ein Baum trotz Fäule noch stabil sein?
Ja, eine innere Fäule bedeutet nicht automatisch, dass ein Baum gefährlich ist.
Ein Baum kann einen Schaden erfolgreich begrenzen und gleichzeitig noch große Bereiche gesundes Holz besitzen. Entscheidend für die Stabilität sind jedoch viele weitere Faktoren, etwa die Größe und Lage des Schadens, die verbleibende gesunde Holzstärke und die gesamte Statik des Baumes.
CODIT erklärt die biologische Abschottung – es ersetzt keine fachliche Beurteilung der Verkehrssicherheit.

Warum ist CODIT beim Baumschnitt wichtig?
Weil jeder Schnitt eine Verletzung darstellt, mit der der Baum anschließend umgehen muss.
Je kleiner und fachgerechter die Verletzung, desto weniger Holz muss der Baum abschotten.
Genau deshalb ist es bei der Baumpflege wichtig, die natürlichen Abwehrmechanismen des Baumes zu verstehen.
Wie sich dieses Wissen auf Wundverschlussmittel auswirkt, erklären wir im nächsten Beitrag.
Was ist die wichtigste Erkenntnis?
Der Baum repariert das beschädigte Holz nicht – er schützt das gesunde Holz daneben.
CODIT beschreibt ein erstaunlich ausgeklügeltes Schutzsystem aus vorhandenen Strukturen, biologischen Reaktionen und neu gebildetem Holz.
Der Baum versucht nicht, die Vergangenheit rückgängig zu machen.
Er sorgt dafür, dass der Schaden möglichst dort bleibt, wo er entstanden ist.
Quellen
Shigo, A. L. & Marx, H. G. (1977)
Compartmentalization of Decay in Trees. USDA Forest Service, Agriculture Information Bulletin 405.
CODIT Booklet – University of Minnesota
https://mntca.umn.edu/sites/mntca.umn.edu/files/2021-01/CODIT%20Booklet.pdf
Shigo, A. L. (1984)
Compartmentalization: A Conceptual Framework for Understanding How Trees Grow and Defend Themselves. Annual Review of Phytopathology 22:189–214.
Shigo, A. L. (1985)
Compartmentalization of Decay in Trees. Scientific American.
Parenchyma of Secondary Xylem and Its Critical Role in Tree Defense against Fungal Decay in Relation to the CODIT Model
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5101214/


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